Mittelalter

Die Gesellschaftsordnung im Mittelalter

Im Mittelalter sah die Ordnung der Gesellschaft grundlegend anders aus. Von Demokratie oder sozialer Gerechtigkeit im heutigen Sinne, keine Rede. Dafür spielte die Religion eine außerordentlich große Rolle…

Die soziale Ordnung des Mittelalters war in verschiedene Stände unterteilt. Diese Stände waren der Adel (weltliche Macht), der Klerus (also alle höheren Kirchenbediensteten) und der sogenannte dritte Stand, den Tagelöhner, Bauern und alles sonstiges „Gesinde“ bildeten. Diese drei Stände waren hierarchisch angeordnet: Zuoberst war meist der Adel angeführt vom Landesherren oder König. Gleich darauf folgte der Klerus, der dem Adel manchmal sogar nahezu gleichgestellt war. Erst ganz zu unterst auf der „Hierarchie-Leiter“ des Mittelalters stand der dritte Stand. Häufig wird diese Hierarchie graphisch daher als eine Pyramide dargestellt.

Im Beitragsbild (s. oben) ist eine Darstellung des Astrologen Johannes Lichtenberger von 1488 zu sehen. Die drei Personengruppen, die hier zu sehen sind, sind eben diese drei Stände. Das gesamte Ständewesen überwacht Jesus als Stellvertreter des christlichen Gottes.

Jeder Stand hatte eine eigene Aufgabe

Jeder Stand hatte in dem Gefüge der mittelalterlichen Gesellschaft auch eine eigene Aufgabe zu erfüllen. Johannes Lichenbergers Buchmalerei (s. oben) stellt auch das treffend dar: So finden sich über jedem Stand eine Art göttliche Anweisung: Oben links über der Darstellung des Klerus‘ findet sich die lateinische Anweisung „tu supplex ora“, was so viel wie „Du bete demütig!“ bedeutet. Oben rechts hingegen über der Darstellung des Adels befindet sich die göttliche Anweisung die Christenheit des Mittelalters zu beschützen (lat. “tu protege“). Dem dritten Stand wird die wohl wichtigste Aufgabe zugedacht, die Arbeit für den Lebensunterhalt (Nahrung, Werkzeugherstellung etc.) der anderen (lat. „tuas labora“).

Ungleiche Verteilung der Stände

Die mittelalterliche Arbeitsteilung macht auch besonders dann einen Sinn, wenn man die prozentualen Bevölkerungsanteile der Stände ansieht. So stellten die beiden oberen Stände wohl eher eine Minderheit dar. Nur knapp 2% der Gesamtbevölkerung waren entweder weltliche oder geistliche Adelige. Der Rest übernahm das Arbeiten als dritter Stand.

Die Rechtfertigung dieses Systems

Begründet und recht-gefertigt wurde dieses System mit der Religion: Die Gesellschaftsform sei gottgewollt, versuchten einige mittelalterliche Kleriker und Religionsphilosophen auf Basis der Bibel zu begründen.

Ein Abt aus Worms trieb diesen Gedankengang sogar noch auf die Spitze in dem er in einem seiner theologischen Schriftstücke folgendes behauptete:

„Wegen der Sünde des ersten Menschen ist dem Menschengeschlecht durch göttliche Fügung die Strafe die Knechtschaft auferlegt worden. Gott hat jenen, für die die Freiheit nicht passt, in großer Barmherzigkeit die Knechtschaft auferlegt. Und obgleich die Erbsünde durch die Gnade der Taufe allen Gläubigen genommen ist, hat der gerechte Gott die Menschen so unterschieden, dass er die einen zu Knechten gemacht, die andern zu Herren einsetzte, damit die Möglichkeit zu freveln für die Knechte durch die Macht der Herren eingeschränkt würde.“

Quelle: Buchard von Worms, Diecretorum libri XX, 1008-1012 

Burchard von Worms sah also die Knechtschaft des dritten Standes in einer Ambivalenz zwischen Wohltat und Strafe. Zum einen meint er, die Knechtschaft sei den Menschen als Strafe für die Ursünde, also die Sünde von Adm und Eva im göttlichen Paradies1Adam und Eva aßen, der Bibel nach, im göttlichen Paradiesgarten trotz eindrücklichem Verbot Gottes vom Baum der Schlange. Dafür wurden Sie schließlich des Paradiesgartens verwiesen. Diese Untat (das Essen des Apfels) wird im christlich-theologischen Fachjargon als „Ursünde“ des Menschen bezeichnet., auferlegt worden. Zum einen aber meint er ebenfalls, dass die Knechtschaft jedoch auch eine Wohltat für die Menschen sei, die anscheinend nicht fähig sind, mit Freiheit umzugehen. Als Beweis dieser Nicht-Fähigkeit sieht er die Ursünde des Menschen. Nur wenige Menschen haben sich also so weiterentwickelt, dass Gott sie zumindest ein Stück weit (beim ersten und zweiten Stand) oder gar ganz (König / Kaiser als gottgewollter Herrscher) von der Knechtschaft befreit hat.

Vertikale Mobilität existierte nicht…

Sozial waren die Stände meist vollständig voneinander getrennt: Aufstiegschancen in diesem Gefüge existierten eigentlich nicht. Heiraten zwischen verschiedenen Ständen waren nur selten möglich. Außerdem konnten wenn dann nur Frauen so aufsteigen. Nur der Mann konnte wenn überhaupt eine Frau einer tieferen Schicht als seine wählen. Aber das kam nur sehr selten vor.

Einzig die Barriere zwischen Klerus und Adel war durchlässig: Ein Adeliger konnte nämlich Bischof o. ä. werden und ein Bischof weltlich-adelige Aufgaben übernehmen. Aber ein kleiner Dorfpfarrer wurde niemals Bischof.

So waren also stets die Angehörigen des Dritten Standes im Hintertreffen.

Verschlimmerung durch Leibeigenschaft in der frühen Neuzeit

Erschwerend zu den ohnehin schon schwierigen Arbeitsbedingungen des Dritten Standes2Schließlich hatten die Bauern bspw. schwere körperliche Arbeit zu verrichten ohne jede technische Hilfsmittel, wie sie heute üblich sind. kam noch das Konzept der Leibeigenschaft hinzu: Verschuldete sich ein Bauer bspw., weil er nicht genügend Abgaben leisten konnte, ohne selbst hungern zu müssen3Jeder Angehörige des Dritten Standes (überwiegend Bauern) mussten den sogenannten Zehnt leisten, also mindestens ein Zehntel des Ertrages beim Landesherren (adelig) abgeben. , weil die Ernten aufgrund klimatischer Veränderungen, wie sie bspw. die kleine Eiszeit im 15. Jahrhundert war, besonders karg ausfielen, ging sein ganzer Besitz und seine gesamte Familie schließlich in die Leibeigenschaft des Territorialherren (adelig) über. Das bedeutete für den Bauern konkret, dass er alle seine Freiheiten (Bewegungsfreiheit, Reisefreiheit) und seinen gesamten Besitz verlor und fortan für einen Hungerlohn, der selten zum eigenen Auskommen genügte, für den Landesherren arbeiten musste. Diese Leibeigenschaft wurde vererbt und so gerieten auch dessen Kinder und Enkel etc. in die Leibeigenschaft. Natürlich konnte sich der Leibeigene auch stets freikaufen von seiner Leibeigenschaft, jedoch brachten nur wenige das Geld dafür auf. Seinen früheren Besitz allerdings bekam der Leibeigene trotz Freikauf nicht wieder.

Zu Beginn der frühen Neuzeit eben wurde das Klima durch die kleine Eiszeit immer schlechter und die wenigen Erträge, die doch irgendwie gewonnen werde konnten, durch den wütenden dreißigjährigen Krieg schlussendlich größtenteils zerstört. Daher geriet gerade zu dieser Zeit ein Großteil des Dritten Standes in Leibeigenschaft und Knechtschaft.

Ausblick: Aufklärung als Konsequenz der ungerechten Ständeordnung

Ende des 17. Jahrhundert waren es schließlich so viele, dass sich die Denker und Philosophen der Zeit dagegen zur Wehr setzen wollten. Die Aufklärung war geboren und führte schließlich viele Jahre später zur französischen Revolution. Das Ständewesen war fortan nicht mehr zu halten…

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